Auf dem Spielplatz die Grundlagen lernen

TV Ratingen denkt an die Motorik der Kinder

Der TV Ratingen betont, wie wichtig die motorische Entwicklung am Anfang für die Kleinsten ist. Kurse fehlen aufgrund der Pandemie, aber der Klub will an Spielplätzen QR-Codes mit Anleitungen dafür hinterlegen. Eine Hilfestellung für Eltern.

Julius und Tilda stehen vor dem Schaukelreifen auf dem Spielplatz am Ostbahnhof. Der hängt ungefähr auf Kinnhöhe der beiden dreijährigen Zwillinge. „Hochziehen müsst ihr alleine schaffen“, sagt Ralf Kastner, der beim TV Ratingen unter anderem für den Kinder- und Schülersport zuständig ist. Für Tilda und Julius kein Problem, flugs sind beide auf der Schaukel. „Seht ihr“, sagt Kastner. Vater Christian Böcker stößt den Reifen an, seine Kinder sitzen darauf – und juchzen vor Freude. „Ihr könnt euch auch hinstellen, wenn jeder ein Seil greift“, rät Kastner, die Zwillinge tun wie geheißen. „Ich dreh’“, ruft Tilda. „Schneller!“, findet Julius. Da Papa Chris aber gerade in ein Gespräch verwickelt ist und deshalb nicht schneller anschubsen kann, springt Julius ab – und schiebt die Schaukel mit seiner Schwester wieder an. Die freut sich sichtlich über den neuen Schwung.

Jetzt ist das Ganze aber nicht einfach nur ein freundlicher Besuch auf einem Spielplatz, sondern hat einen durchaus wichtigen Hintergrund: Aufgrund der Coronavirus-Pandemie sind Angebote wie Eltern-Kind-Turnen seit Monaten nicht mehr möglich, dementsprechend sorgt sich der TV Ratingen um die motorische Entwicklung der Kinder. „Viele Erwachsene gehen ja zum Eltern-Kind-Turnen, um selber Freunde da zu treffen, wissen aber gar nicht, wie wichtig das für die Grundmotorik der Kinder eigentlich ist“, sagt Kastner und ergänzt: „In den ersten drei Lebensjahren ist die körperliche Entwicklung ebenso rasant wie das motorische, soziale und geistige Lernen. Eine Vielzahl der synaptischen Verbindungen im Gehirn entstehen in dieser Zeit. Sport ist eine große Hilfe beim Erlernen dieser Fähigkeiten.“

Wie stets ist man beim TV Ratingen nicht alleine. Neben Ralf Kastner kümmert sich Anja Rösner um das Projekt. Sie hat nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr nun ein duales Studium beim Großverein aufgenommen, studiert Fitness-Wissenschaft und Ökonomie. „Sie hat die neun Spielplätze herausgesucht“, berichtet Kastner. „Sie betreut auch viele Ogata-Gruppen und geht sehr gut mit Kindern um.“

Da der Verein in der Pandemie aber nicht wie gewohnt dabei helfen kann, hat sich Kastner etwas überlegt: Auf insgesamt neun Spielplätzen im Stadtgebiet will er sogenannte QR-Codes anbringen, die die Eltern von Kindern auf ihrem Handy öffnen können – und dann kurze Videos erhalten, was auf und an den Stationen am jeweiligen Spielplatz möglich ist, um die Motorik der Kinder zu schulen.

Ein Gedanke dabei: Eltern könnten das Handy dann nutzen, um mit den Kindern zu interagieren und nicht einfach nur, um sich selbst die Zeit zu vertreiben, während das Kind spielt. Hauptgedanke bleibt aber: Eltern und Kindern vermitteln, wie wichtig die Entwicklung der Motorik gerade in der Anfangszeit ist, und dass das Spielen nicht einfach nur Freude bringt, sondern auch das eigene Körpergefühl vorantreibt.

Für die Videos war der Besuch von Julius und Tilda am Spielplatz Ostbahnhof quasi der erste Drehtag. Und Kastner erklärt den tieferen Sinn des Schaukelns: „Der Bewegungsablauf ist gesamt-motorisch wichtig für das eigene Körpergefühl. Da passiert so viel – man sagt sogar: Wer schaukeln kann, kann gut rechnen.“ Ausnahmen soll es aber von der Regel durchaus auch geben.

Als zweite Station auf dem Spielplatz am Ostbahnhof gibt es für Tilda und Julius das Klettergerüst mit den roten Seilen. Auch da kennen die Dreijährigen keine Scheu, sie sind bereits recht weit, was ihre körperliche und motorische Entwicklung angeht. „Kein Wunder bei dem Vater“, sagt Mutter Katharina lachend. Ihr Mann war lange Jahre Handballer beim TV Ratingen, ist inzwischen Verkäufer und Berater der Sportartikelfirme Thieme in Ratingen und Trainer des Handball-Bezirksligisten SG Unterrath, dessen Spieler er trotz Corona in wöchentlichen Online-Schulungen fit hält. Bei den Übungen geht er im Übrigen im eigenen Keller stets voran.

Aber zurück zu den Protagonisten des „Drehtages“: Julius und Tilda erkunden das Klettergerüst. „Das ist aber wackelig“, findet Julius. „Wackelig ist genau richtig“, meint Kastner und erklärt: „Klettern ist der erste Einstieg ins Ganzkörpertraining und in eine kindgerechte Rückenschulung, weil da der ganze Haltungsapparat trainiert wird.“ Von diesem tieferen Sinn zeigen sich Tilda und Julius wenig beeindruckt – die Zwillinge genießen einfach das Gefühl, immer höher hinaus zu kommen, zu klettern und an den ausgestreckten Armen zu schaukeln.

Beide sind schon mit drei Monaten beim TV im Vater-Kind-Schwimmkurs gewesen. „Da merkst du, wie wichtig das für das Körpergefühl ist“, merkt Mutter Katharina an, die sich generell viele Gedanken dazu gemacht hat. Das Eltern-Kind-Schwimmen ist derzeit auch nicht möglich, deshalb sucht der TV Ratingen nach anderen Wegen. „Gerne würden wir als Verein wieder Sport für die Kinder anbieten“, sagt Kastner und appelliert. „Aber bis es so weit ist: Liebe Eltern, geht auf die Spielplätze und fördert eure Kinder. Sportelt gemeinsam und fordert eure Kinder heraus, was das Zeug hält.“

Dafür gibt es dann bald Info-Zettel mit den genannten QR-Codes, hinter denen sich spezielle motorische Aufgaben für die Kinder verbergen, die sie auf dem jeweiligen Spielplatz machen können. Wann es genau losgeht, weiß Kastner noch nicht, das hänge einerseits vom Infektionsgeschehen und andererseits davon ab, wie schnell er mit dem Filmen sei. Der Anfang ist gemacht.

Quelle: Rheinische Post 24.04.2021
Autor: Georg Amend
Bild: Achim Blazy